Solar, Stromspeicher und ein schöner Traum

Konzept von autarkem Solardorf gescheitert?

Von Stefanie Nowatzky
Norderstedt Die Idee war absolut einmalig in Deutschland: In einem Dorf wohnen, den eigenen Strom für Haus und Auto mit regenerativen Energien erzeugen und autark vom Markt werden. Bauherr Bernd Degen hat sich überzeugen lassen, auch, weil die Stadt Norderstedt 2012 das Projekt als Zukunftsidee vorstellte. Inzwischen ist der 50-Jährige enttäuscht. "Die Rückladestation für das Elektroauto gibt es noch nicht und andere Teile des Solarpakets sind nicht mehr so, wie sie ursprünglich gedacht waren. Das Konzept kann so nicht mehr funktionieren", sagt Degen. Sein Haus und vier weitere sind im Rohbau, sechs Häuser im Solardorf Müllerstraße sind schon fertig. Doch keines davon hat eines der fest eingeplanten Elektroautos vor der Tür. Zum Hintergrund: Im Februar 2012 hatte Norderstedts Stadtrat Thomas Bosse gemeinsam mit verschiedenen Unternehmen das in Deutschland einmalige Modell vorgestellt. Mit dabei die Immobilienfirma Schilling als Erschließer der Grundstücke. Damit das autarke Dorf funktioniert, wurden die Bauherren verpflichtet, ein Solarpaket für 72.500 Euro mit zu kaufen. Darin enthalten: Die im Bebauungsplan festgelegte Solaranlage mit Stromspeicher, ein Energiemanager, eine Wärmeübergabestelle für Fernwärme, ein sogenanntes Smart-Home für die intelligente Energie-Steuerung im Haus, eine Steuerung für den Stromfluss zwischen den Häusern, das sogenannte Smart Grid. Ebenfalls mit dabei: eine Autoladestation, die Strom ins Auto aber auch zurück ins Haus laden kann und ein dafür einsetzbares Elektroauto. Der Clou: Durch intelligente Vernetzung aller Solarkomponenten sollte das Dorf unabhängig von zugeliefertem Strom werden. Jetzt bezweifeln die Bauherren, dass dieses Konzept noch durchsetzbar ist. „Die intelligente Vernetzung der Häuser und die Autoladebox, zentrale Bestandteile des Konzeptes, gibt es noch gar nicht", vermutet Degen gemeinsam mit den anderen Bauherren auch nach Nachfragen bei den Herstellern. Für die durch den Bauträger Olwo-Bau angebotenen Grundstücke steht das Solarpaket so nicht mehr verpflichtend im Vertrag. Wegen der inzwischen bekanntgewordenen Schwierigkeiten zwischen Bauherren und der Firma Schilling ließ Geschäftsführer Norbert Oldekop die vorgefertigten Grundstücksverträge prüfen. Seitdem werden die Käufer ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Verpflichtung auf das angebotene Solarpaket rechtlich nicht bindend sei. Oldekop: Die Idee ist in Ordnung, aber als wir die Grundstücke gekauft haben, dachten wir, es sei alles schon viel weiter." Sein Projektleiter Marco Beth winkt kurzerhand ab: "Das Konzept geht so nicht auf, weil die einzelnen Module nicht vorhanden oder abgespeckt worden sind." Dementsprechend gehen die Bauherren, die ihre Grundstücke bei Olwo kauften, von anderen Voraussetzungen aus. Bauherr Christian Fischer: "Für mich ist das Solar-Paket nur eine Option". Insgesamt hat er zehn Monate gewartet, ob sich die Situation um die fehlenden Komponenten noch klärt, jetzt will auch er endlich mit dem Bau beginnen. Allerdings vermutlich genau wie Nachbar Jonas Röntgen nur mit einem Teil des Solarpakets. Damit fehlen diese Häuser in der von Projektleiter Volker Stracker erarbeiteten Gesamtrechnung für das autarke Solardorf. Dieser erklärte auf Anfrage, die Bausteine für die intelligente Steuerung im Haus und Dorf seien lieferfähig. Allerdings wurden die Bauherren von Schilling informiert, dass der Projektleiter abberufen sei, seitdem stockt auch hier mit ihm die Kommunikation, eines der Hauptprobleme zwischen Erschließungsgesellschaft und Bauherren. Dagegen sagte Tobias Schilling, Juniorchef der Erschließungsfirma die auch die Solarhöfe im Garstedter Dreieck errichten will, auf Anfrage: "Das Konzept steht und funktioniert, nur die Ladestation ist noch nicht lieferbar." Als Beweis führt er eine Berechnung aus dem Sommer an. Die fünf fertigen Häuser produzierten Strom speisten damit das Dorfnetz. Zusätzlich mussten für diese fünf Häuser sowie die fünf Baustellen 265 kWh Strom von den Stadtwerken bezogen worden. Allerdings gibt es bisher keine Abrechnungen für die einzelnen Bauherren, keiner hat einen Stromvertrag mit den Stadtwerken. Alles läuft über die Firma Schilling, die wiederum bisher keine Stromverträge mit den Bauherren abschloss. Stattdessen erfuhren die Bauherren, dass sie künftig als Genossenschaft das Stromnetz bewirtschaften sollen. "Das wurde vorher nie gesagt", so Bauherr Bernd Degen. Inzwischen haben sich alle zusammengetan und einen gemeinsamen Anwalt beauftragt "Ich hab immer für das Projekt geworben", erzählt Degen. Doch inzwischen mag er das nicht mehr tun. Stattdessen informieren die Bauherren auf ihrer gemeinsamen Seite www.ossenmoorring.de über den Stand der Dinge. In der Stadtverwaltung ist bekannt, dass es Probleme im Zukunftsdorf gibt. "Wir finden das Konzept nach wie vor gut und tun alles, um es zum Erfolg zu bringen", sagt Stadtsprecher Hauke Borchardt. Schließlich gewann die Stadt sogar einen Preis für die zukunftsträchtige Idee. Sie wollen jetzt vermitteln: "Wir werden alle Beteiligte an einen Tisch bitten."